Nach Estland in den Sumpf

In Riga haben wir uns in der Markthalle noch mit feinstem geräuchertem Fisch, Salat und Steinpilzen für das Abendessen versorgt. Die Parkplatzsuche war dabei nicht ganz trivial und als wir einen passenden gefunden hatten, und noch unschlüssig waren, wie er zu bezahlen sei, stand schon die Politesse mit gezücktem Handy vor dem Auto. Immerhin hat sie uns dann statt eines Strafzettels erklärt, wie das in Riga geht, nämlich nicht mit der Park-App, wie wir dachten, sondern am Automaten.

Der Weg aus Riga hinaus zieht sich ganz schön, bis man endlich auf der Autobahn ist, die aber nach wenigen Kilometern zu einer Landstraße wird, aber einer gut befahrbaren. Gefühlt die Hälfte aller Fahrzeuge sind Sattelschlepper, wehe dem, der die Höchstgeschwindigkeit von 90 Km/h nicht erreicht, dem klemmt bald so ein Ungetüm an der hinteren Stoßstange und schiebt an. Mittagspause machen wir gegen 4 an einem Parkplatz, der ganz nahe an einem endlosen Sandstrand liegt.

Kleiner Exkurs: Es muss einen Reiseführer, Ferien mit Hunden, geben, der die baltischen Länder als Eldorado empfiehlt. Und es kommt nicht selten vor, dass in diesen Wohnmobilen mehr Hunde als Menschen transportiert werden, heute hatten wir z.B. 4 Dackel, die zwar teilweise an der Leine aber genauso auch ohne nicht gehorcht haben. Der Gipfel war eine italienische Familie deren Hund eine andere Familie mit Hund gleich angefallen und eine Hose zerrissen hat.

Schon in Estland, Ortsnamen ähneln nun dem Finnischen, was sie nicht leichter macht als lettische, machen wir einen Zwischenstopp , um nochmal eine kleine Wanderung durch ein großes Moorgebiet zu machen. Die Landschaft ist wunderschön, sonnig (!), denn den Regen konnten wir in Lettland abgeben. Wir üben schon mal, wie man eventuellen Bären am besten auf dünne Bäumen entkommt.

Wenige Kilometer vor Pärnu wird aus der Landstraße wieder eine Autobahn, nicht weiter erwähnenswert, wäre da nicht eine abenteuerliche Verkehrsregelung gewesen: Mit einer Schilderbrücke wird vor Elchen gewarnt, das Tempo auf 100 reduziert, dann entfällt auf wenige 100 Meter die Mittelleitplanke und es ist tatsächlich ein Zebrastreifen für Elche angelegt worden – rechts und links der Autobahn ist der hohe Zaum unterbrochen, so dass die Tiere ‘geordnet’ die Autobahn überqueren können.

Kurz darauf biegen wir von der Autobahn Richtung Strand ab und nach ein paar Metern stehen wir auf einem kleinen Parkplatz neben einem Aussichtsturm inmitten von hohem Reetgraswiesen. Außer einem schönen wolkenfreien Sonnenuntergang links, gibt es noch einen Vollmond-Aufgang rechts und dazwischen Nudeln mit Steinpilzen, ein festlicher Ausklang des Tages.

Jugendstil Bauwerke in Riga

In einem Stadtviertel in Riga stehen so viele prunkvolle Jugendstilhäuser wie in kaum einer andere Stadt weltweit. Praktisch alle diese Häuser sind renoviert und sehr gepflegt, was vielleicht auch daran liegt, dass hier viele Botschaften und Finanzagenturen ihren Sitz haben. Damals scheint ein regelrechter Wettbewerb unter den Bauherren geherrscht zu haben, wer das üppigste und phantasievollste Gebäude errichtet, jedenfalls muss viel Kapital verfügbar gewesen sein, um sich solch eine Opulenz leisten zu können.

Einige Portale und Türen im Detail:

Die Straßenbahnen in Riga sind nur unwesentlich jünger…

Lettlands Kampf um die Freiheit

Am Nachmittag machen wir eine free walking tour mit dem Fokus auf die russische Besatzungszeit. Der Guide, Harris, Mitte 40, ist Dozent für Tourismus-Marketing und hat als kleiner Junge die russische Besatzung als auch die Befreiung miterlebt und weiß seine persönliche Erfahrungen und die historischen Ereignisse sehr eloquent zu mischen. Die Tour beginnt am Denkmal für die Deportationen der Letten, die bereits 1940, vor der Besetzung durch die Nazis begannen und nach 1945 bis zur Wende in unterschiedlicher Brutalität, je nach Kreml-Herrscher, fortgesetzt wurden. Praktisch jede Familie hatte Angehörige, die verschleppt wurden in sibirische Arbeitslager oder einfach im Wald ausgesetzt wurden. Mit diesem, von der KGB orchestrierten Terror machten die Kommunisten die Bevölkerung mürbe und etablierten ihre Macht bis in den letzten privaten Winkel.

Die Freiheitsstatue wurde von lettischen Bürgern 1935 finanziert und anlässlich der ersten, kurzen Unabhängigkeit nach dem 1. Weltkrieg errichtet. Die russische Okkupation überlebte die Statue durch eine geschickte Umdeutung und persönliche Einflussnahme bei Lenin (so zumindest die Story). Sie ist heute das Symbol Lettlands Unabhängigkeit, auf die 1 ct Münze geprägt und von stündlich wechselnden Gardeoffizieren bewacht. Ältere Bürgerinnen kommen vorbei und legen frische Blumen nieder, da erahnt man, was die Freiheit für eine Wertschätzung hat, wenn man das Gegenteil am eigenen Leib erfahren hat.

Die während der Besatzung profan genutzte russisch-orthodoxe Kirche wurde nach Beginn des Ukrainekriegs zur lettisch-orthodoxen Kirche, aber die meisten gläubigen Letten sind Protestanten, dann Katholiken und schließlich die Orthodoxen Christen.

Der Rundgang dauert zweieinhalb Stunden und bis auf kurze Pausen werden wir mit wirklich spannenden Geschichten und der aktuellen politisch-gesellschaftlichen Lage in Lettland druckbetankt. Natürlich geht es immer wieder um Russland, den Krieg und die russisch sprechenden Letten, wie der Staat versucht, die Balance zu halten zwischen freier Meinungsäußerung und Verboten von russischer Glorifizierung, der zwar ein Minderheit aber teilweise lautstark anhängt.

Ganze Stadtviertel in Riga bestehen aus herrschaftlichen Jugendstilbauwerken mit üppigen Wohnungen. Diese wurden nach dem 2. Weltkrieg – natürlich – enteignet und als erzwungene Wohngemeinschaften für Industriearbeiter genutzt, die die Russen aus Zentralasien hierher umgesiedelt hatten, um die Verluste an Arbeitskräften durch den 2. Weltkrieg zu kompensieren. Mittlerweile sind sie rückübereignet, sofern sich Angehörige auffinden ließen. Herrenlose Immobilien konnten durch die staatliche Ausgabe von Privatisierungsgutscheinen von der Bevölkerung erworben werden, aber nur wenige hatten die Markwirtschaft dahinter verstanden und sich übermäßig bereichern können.

Nach dem Ende der Führung sprechen wir noch lange mit Harris, der uns nochmal die Bedeutung der Sprache als das zentrale gesellschaftliche Bindeglied verdeutlicht. Er erläutert Russlands langsame aber stetige Politik der Russifizierung über russische Medien und wie der Lettische Staat dagegenhält. Seit wenigen Jahren ist Lettisch die einzig zulässige Unterrichtssprache, was natürlich auch einen Keil in die multi-ethnische Gesellschaft treibt. In Lettland verläuft aber die Grenze zwischen ‘Putin und dem Westen’ nicht synchron an der sprachlichen Grenze, viele russisch sprechende Letten sind eindeutig auf Seite des Westens und der Freiheit zu verorten, so Harris.

Dann muss erstmal ein Stuhl und ein Bier her… Da gibt es eine Menge zu rekapitulieren und auch dieser Text ist noch lange nicht richtig fertig.

Riga!

Mit dem Rad fahren wir vom Campingplatz ca. 3-4 Km in die Altstadt, über die große, aus der Ferne beeindruckende Hängebrücke über den Fluss Düna. Auf der Brücke beeindruckt mehr die völlig verrottete Unterkonstruktion, die mit nachträglich angeschweißten, mittlerweile ebenfalls maroden Stahlträgern nur mühsam zusammengehalten wird.

Die Altstadt ist nicht groß und gut zu Fuß zu erkunden, wir lassen unsere Fahrräder an der Petri-Kirche stehen, um, für die bessere Übersicht, den Turm zu besuchen. Von oben hat man praktisch alle bedeutenden Bauwerke der Stadt im Blick. Viele der alten Häuser sind sorgfältig renoviert, viele Plätze und die Parks sind üppig mit schönen Sommerblumen bepflanzt – um die Bewässerung muss man sich ja hier nicht kümmern. Die Stadt ist voller Touristen, sehr viele in Reisegruppen, da geht es uns gut, dass wir nicht wie eine Schafherde herumgetrieben werden, aber unser Pensum ist auch nicht ohne.

Der Markt von Riga ist in 5 großen Hallen untergebracht, ehemals von Deutschland errichtete Fertigungshallen für Zeppeline. Es gibt eine Halle nur für Fleisch, für Fisch, Gemüse und Obst ist nach draußen verbannt, vielleicht aber auch nur, weil die Gemüse-Halle renoviert wird. In der Fressbuden-Halle versorgen wir uns recht rustikal mit very local food. Kaviar kommt nicht in die Tüte, zum Nachtisch bescheiden wir uns mit Himbeeren. Soweit erkennbar, sprechen alle Marktfrauen russisch.

In der Stadt gibt es viele Restaurants und ‘Cafés’, die bei uns eher als Kneipen durchgehen. Da muss man schon ein bisschen suchen, bis man ein echtes Café findet. In einem engen Hinterhof versteckt sich ein urig eingerichtetes Lokal, die auch verschiedene Kuchen in der Vitrine haben. Wiedermal schaffen wir es, den Regenschauer in unsere Pause zu legen.

Am frühen Abend machen wir eine nette Rundfahrt mit diesem antiken Holzboot durch den ehemaligen Graben rund um die Stadtmauer hinaus auf den Fluss Düna und von hinten wieder zurück. Die Befestigungsanlagen wurden Mitte des 19. Jhd. abgerissen, der Burggraben aber erhalten.

Wir suchen uns eines der typisch lettischen Gaststätten für’s Abendessen – ein Selbstbedienungsrestaurant, einer Kantine nicht unähnlich. Die Küche ist offen und man wählt mit dem Finger das da und das da bis genug (oder eher zu viel) auf dem Teller liegt. Jetzt am Abend sitzt sogar die Gattin lieber drinnen.

Schauergeschichten

gibt es heut keine zu erzählen, denn bei jedem der vielen Schauer waren wir zufällig im Trockenen, erst im Café in Kuldiga, dann im Aussichtspavillon oberhalb des berühmten Wasserfalls, dann im Picknickunterstand und schließlich im Auto auf dem Weg nach Riga.

Zwischenzeitlich schien aber auch die Sonne und ermöglichte uns, Kuldiga zu erkunden. Diese Kleinstadt zeichnet sich aus durch eine durchweg alte, unter Denkmalschutz gestellte Bebauung mit kleinen, oft nur einstöckigen Häusern. Die meisten Straßen der inneren Stadt sind mit groben Natursteinen gepflastert, nur die Fußgängerzone und manchmal die Gehsteige sind mit ‘modernen’ Pflastersteinen belegt.

In einer Bäckerei kehren wir zum Frühstück ein, es gibt sagenhaft leckeres, frisch gebackenes Sauerteigbrot mit einer schaumig lockeren Butter, den traditionellen eingelegten Gurken und einem perfekten Cappuccino.

Die bemerkenswerte Skulptur ‘Teleport’ am Beginn der Fußgängerzone zeigt den lettischen Grafen Jekabi, der Lettland im 17 Jhd. durch Förderung von Handel, Schiffbau und Handwerk zu wirtschaftlicher Blüte geführt hat, wie er durch Teleportation in das 21. Jahrhundert tritt.

Auf dem Weg nach Riga machen wir an einem Moorgebiet Halt und laufen über die angelegten Holzbalkenwege einen schönen Rundweg.

Auf der weiteren Fahrt nach Riga geraten wir in ordentlichen Starkregen und später treibt der starke Wind eine Regenfront vor uns her, so dass wir längere Zeit immer wieder ‘in den Regenbogen fahren’.

Der Campingplatz in Riga ist schon ziemlich voll als wir ankommen und viel später wäre kein Platz mehr frei gewesen. Er liegt zwar an einem Fluss, die erste Reihe am Ufer ist aber schon ausgebucht, so stehen wir wie auf einem Parkplatz dicht an dicht geparkt, so ist das halt in einer Großstadt.

Sturm und Regen auf all unsren Wegen

Das absolute Halteverbot auf dem Campingplatz wird anfangs nicht ernst genommen und massenhaft missachtet, dann bessert sich die Lage und die Zufahrt ist wieder frei.

Unsere erste Station ist Liepaja, mit 80.00 Einwohnern eine der größeren Städte in Lettland und zudem bedeutende Hafenstadt. Wir wollen die Innenstadt und dort besonders die Markthalle besuchen, zum Einkaufen und natürlich auch aus touristischem Interesse. Den ganzen Vormittag regnet es schon, mal normal, mal wie aus Kübeln, dazu weht ein strammer, böiger Wind von der Ostsee. Ideale Verhältnisse für einen Stadtbummel, mit großem Regenschirm, besonders in Begleitung einer überaus wasserscheuen Gattin. Zum Glück sind die Distanzen nicht groß und die Markthalle bietet nicht nur eine große Auswahl an landestypischen Spezialitäten sondern vor allem – ein Dach über dem Kopf. Wie immer auf solchen Märkten, kaufen wir über das vernünftige Maß ein. Die Pfifferlinge sind verlockend günstig und für’s Abendessen ist damit der Hauptgang eingetütet.

Zur Brotzeit mit den Einkäufen vom Markt fahren wir über eine Brücke Gustave Eiffels in den nördlichen Stadtteil, vorbei an einem militärischen Gelände direkt ans Meer. Der Sturm peitscht den Regen waagrecht gegen die Fenster und wir verlassen das Auto auf keinen Fall. Draußen spielen sich unwirkliche Szenen ab: Aus den ankommenden Autos steigen Familien in Badeanzügen aus, kämpfen sich durch den Sturm in die Wellen und steigen nach einer Weile genauso nass, wie sie aus dem Wasser gekommen sind in ihr Auto und fahren wieder ab, derweil ein Muslim seinen Gebetsteppich akkurat nach Osten ausrichtet, sich hinkniet und nach kürzester Zeit bis auf die Haut durchnässt sein muss, bevor er nach dem langen Gebet genauso nass wie die Badenden wieder in sein Auto steigt. Der Windsurfer ist in seinem Neopren geradezu ein (einheimisches) Weichei.

Zu Sowjetzeiten war die Stadt Liepaja militärisches Sperrgebiet und ein großer Marinestützpunkt der Roten Armee. Die Soldaten wurden in Plattenbauten untergebracht, die heute noch genauso aussehen, wie man das aus dieser Zeit in Erinnerung hat, auch die dort lebende Bevölkerung macht einen dazu passenden Eindruck, viele alte und arme Menschen. Mitten drin steht eine der wenigen Sehenswürdigkeiten der Stadt eine russisch-orthodoxe Kirche stattlichen Ausmaßes und ebenso reichlich vergoldet. Man bekommt ein wenig Verständnis für die Schmach, die die Russen empfinden mögen, all das mit der Unabhängigkeit der baltischen Staaten ‘an die Nato’ abgetreten zu haben.

Am Nachmittag hört der Regen auf und wir besuchen eine alte Artillerieanlage zum Küstenschutz aus der Zarenzeit, die von der Ostsee mittlerweile gründlich zerlegt wurde, aber als Kulisse für Sprayer taugt sie sehr gut.

Weiter geht es nordwärts zu einem Abschnitt der Küste mit Steilufer, für uns ein wenig Bewegung am Strand. Dann fahren wir ins Landesinnere in das kleine Städtchen Kuldiga, ‘berühmt’ für den breitesten Wasserfall Lettlands (allerdings kaum einen Meter hoch) und eine Römerbrücke über den Fluss Venta. Die Einheimischen nehmen darin gerne ein Schaumbad und werden nach verlassen der ‘Wanne’ mit klarem Wasser aus dem Himmel abgeduscht.

Oberhalb des Flusstals finden wir einen größeren Parkplatz, auf dem wir unser Wohnmobil in aussichtsreicher Lage für die Nacht abstellen, da werden sich im Laufe des Abends noch einige andere dazugesellen, aber den Premiumplatz haben wir! Die Sonne im letzten Bild war ein echter Schnappschuss mit 1/80 sek, dann war sie wieder weg.

Sümpfe und Kiefernwälder an Lettlands Küste

Heute sind wir viel im Pape Nationalpark gewandert. Den ganzen Tag gibt es immer wieder Schauer und nachmittags ein paar sonnige Lücken, aber es bleibt angenehm temperiert bei knapp unter 20°. Im Park ist nichts markiert und ohne gps tracks würde man nichts finden bzw. sich verlaufen bei den vielen Pfaden und Wegen die es gibt. Die Kiefernwälder sind besonders reizvoll und am Boden oft von dichtem Moos bedeckt, es finden sich natürlich Blaubeeren aber auch wilde Johannisbeeren und so etwas wie ein Marder huscht mal über den Weg. Trotz der feuchten Wärme wachsen kaum Pilze und wenn doch, haben wir nix dabei, um sie einzusammeln.

Im Pape Nationalpark gibt es auch eine Herde wilder Auerochsen und frei lebender Pferde, denen man besser nicht zu nahe kommen soll.

In den zahlreichen Sümpfen des Parks leben hauptsächlich Insekten, es überwiegen die Mücken derentwegen man besser nicht stehen bleibt. Ein paar Kormorane, Schwalben, Schwäne sieht man auch, vermutlich würde es nur in der Zeit des Vogelzugs im Frühjahr/Herbst Spannenderes zu sehen geben . Zum Fotografieren finden sich aber trotzdem reichlich Motive, so dass das Ausmisten der Bilder am Abend richtig viel Arbeit macht.

Am Nachmittag haben wir die mit 37m höchste Düne Lettlands bestiegen, naja, spektakulär war das nicht, aber dafür sind die Kiefernwälder auf und hinter den Dünen der Hingucker.

Übernachten werden wir auf einem großen Campingplatz hinter der Düne an einer namenlosen Stelle dieser endlosen Küste. Der Campingplatz gehört zu einer ganzen Ferienanlage mit Bungalows, Restaurant, Spielplatz, etc. – fast ein wenig zu geschniegelt. Aber das bestellte Abendessen wurde, verglichen mit Litauen, blitzartig serviert. Da sich die Sonne um 21:39 für ihren Untergang hinter Wolken versteckt, machen wir statt eines Sonnenuntergangs- einen Mondaufgangs-Strandspaziergang.

Das Bernsteinmuseum in Palanga

Außer Strand und Kirmes hat Palanga noch ein echtes Highlight zu bieten: Im Zentrum eines großartigen Schlossparks ließ der Graf Feliks Tyszkiewicz 1897 ein Palais errichten, in dem seit 1963 die weltweit größte Bernsteinsammlung mit ca. 15.000 Stücken untergebracht ist.

Ca. 5000 Exponate davon sind ausgestellt. Das beginnt mit den gefundenen Rohlingen (der schwerste mit 3,5 Kg), einer Bearbeitungswerkstatt, besonders schönen Steinen mit eingeschlossenen Insekten und endet mit einer Sammlung von Bernstein-Kunstwerken litauischer Künstler. Dazu wird die Entstehung von Bernstein erläutert, versteinertes Harz einer inzwischen ausgestorbenen Kiefernart, welches zum Erhalt ‘rechtzeitig’ unter Wasser gelangen musste. Das heißt, dass man Bernstein vorwiegend im Meer oder am Strand findet. Es gab im 19. Jhd. eine regelrechte Industrie, die vor der Küste geschürft hat, aber auch schon in der Steinzeit wurde Bernstein bearbeitet und als Schmuck verwendet.

Im Restaurant ‘1925’ haben wir im Garten gefrühstückt und mussten, wie meist in diesem Land, sehr viel Geduld aufbringen, bis wir bedient wurden (und dann kam der Lachssalat auch noch ohne Lachs und das Omlett ohne Speck). Unser Womo durften wir auf dem Campingplatz stehen lassen, bis wir am Nachmittag mit dem Rad zurückkamen. Dann waren es nur noch wenige Kilometer bis wir die lettische Grenze überquert haben (ganz Schengen-konform ohne anzuhalten). Unser Ziel war der Nationalpark Pape, zu dem eine üble Schotterstraße von der neu gebauten Hauptstraße abzweigt. Wir werden sehr nett empfangen und haben sehr viel freie Fläche zur Wahl, um den Camper abzustellen – das ist gar nicht so vorteilhaft, wie es sich anhört, denn die Diskussionen um die beste geographische Ausrichtung des Fahrzeugs, Nord-Süd oder besser WestNordWest- SüdSüdOst, Tür Richtung Strand oder Tür Richtung Klo, das dauert. In der Zwischenzeit baut sich in der Ferne eine schwarze Wolkenwand auf, was uns aber nicht von einem Spaziergang am Strand abhält, der übrigens hübsch bunt coloriert ist. Gemütlich eine halbe Stunde durch die minimale Brandung nach Süden gewatet und dann eiligst wieder zurück. Nur Sekunden bevor uns das Gewitter überrollt schließen wir die Luken im Camper.

Palanga – Rimini in Litauen

Der Tag beginnt beschaulich mit einem putzigen Zaunkönig beim Kaffee, danach gehen wir nochmal an den Strand, der gegen Mittag immer noch praktisch menschenleer ist. Die Sonne scheint und es ist schön warm, während es daheim seit einer Woche dauernd regnet. Gegen Mittag machen wir uns auf den Weg zurück nach Klaipeda und besuchen auf dem Weg die Kormoran-Kolonie, die sich seit einigen Jahren einen Kiefernwald als Brutgebiet ausgesucht hat. Die Kiefern verenden von dem ätzenden Kot der Vögel und es bleiben nur noch Gerippe mit den Nestern stehen; es gibt also auch noch andere Spezies, die ihren Lebensraum nachhaltig zerstören. Erstaunlich aber, wie die Vögel mit ihren Schwimmhäuten an den Füße trotzdem auf Bäumen landen und nisten können.

Unser Tagesziel ist Palanga, ein Seebad an der Ostsee etwas nördlich von Klaipeda mit einem berühmten Bernsteinmuseum in einem alten Schloss mit botanischem Garten. Es ist Samstag und Sommerferien – in Palanga ist die Hölle los. Natürlich findet sich für ein Wohnmobil kein Parkplatz und wir geben entnervt auf und fahren zu einem Campingplatz ca. 7 Km außerhalb der Stadt.. Dort bekommen wir mit Glück den letzten freien Platz. Das Mittagessen kann man nachmittags um 4 kaum noch als solches bezeichnen, zum Glück hatten wir noch ein Frühstück beim Bäcker in Nida.

Genau für diesen Parkplatznotfall hatten wir die Fahrräder mitgenommen, jetzt sind sie die einzige Möglichkeit, Palanga zu erkunden. Direkt am Zeltplatz führt der Radweg vorbei, der abseits der Straßen in die Stadt führt – sehr praktisch. In Palanga gibt es eine Seebrücke (mit Blick auf tolle Gewitterwolken), einen megavollen Strand und eine ziemlich große und ebenso volle Fußgängerzone mit klassischer Tourismus-Ausstattung, Rimini in Litauen! Nachdem wir die Fußgängerzone dreimal auf und ab gelaufen sind, Rezensionen über alle Bars und Restaurants gelesen haben, entscheiden wir uns für eine Lokalität in der wir, obwohl nichts los ist, sehr zögerlich registriert werden. Die Speisekarte ist enttäuschend und wir suchen das Weite, finden dann aber doch noch ein passendes Lokal für ein Bier und rudimentäres Abendessen. Den spektakulären Sonnenuntergang lassen wir uns, genauso wie 1000 andere Sonnenanbeter nicht entgehen.

Auf dem Heimweg, kurz vor dem Campingplatz findet sich eine fast schon karibische Strandbar, es ist schon halb 11, aber dunkel ist es noch lange nicht und so kommen wir doch noch zu einem romantischen Sonnenuntergangs-Cocktail.

Autofreitag

Heute ist Freitag und da hat das Auto frei, wir fahren mit dem Fahrrad. Auf der Kurischen Nehrung verläuft längs ein breiter Radweg über 50 Kilometer meist durch die lichten Wälder, fast immer abseits der Straße, keineswegs eben und intensiv genutzt von den vielen Touristen, die sich auch an vielen Stellen Räder ausleihen können. Wir fahren vom Campingplatz erstmal ins Dorf Nida zur Bäckerei und dann ans Ufer des Haffs für ein Frühstück mit Kuchen und Quarktasche. So gestärkt radeln wir nach Norden mit dem Ziel die Toten Dünen zu besuchen. Noch in Nida stehen viele hübsche Holzhäuser an der Uferpromenade mit schönen Gärten und etwas oben am Hang steht ein stattliches, reetgedecktes Haus in dem Thomas Mann ein paar Sommer gelebt und auch einige berühmte Maler zu Besuch gewesen sein sollen.

Nach ca. einer Stunde Fahrt empfiehlt das Regenradar ebenso wie der Blick in den Himmel eine überdachte Pause. Im Dorf Pervalka gibt es genau ein kleines Gasthaus, bei dem wir einkehren und eine Kleinigkeit essen, um das Gewitter abzuwarten. Es ist ziemlich kühl und wir haben zu wenig zum Anziehen dabei, aber es gibt Decken zum Einwickeln.

Wie vorhergesagt hört der Regen nach einer Stunde wieder auf und wir fahren weiter, noch 5 Kilometer zu den Toten Dünen. Weil man in früheren Jahrhunderten mehrfach Dörfer im treibenden Sand aufgeben und woanders neu aufbauen musste, wurde es den Bewohnern zu blöd und man hat die Dünen auf der Ostsee-, dem Wind zugewandten Seite bepflanzt und damit die Sanddrift weitgehend unterbunden – dann waren die Dünen eben tot. Hier muss man nochmals Eintritt zahlen, was schon frech ist, weil man ja schon Eintritt für den Nationalpark bezahlt hat.

Zurück nach Nida fahren wir schon wieder im Sonnenschein und es wird so warm, dass wir den Rest des Nachmittags am endlosen feinsandigen Ostsee Strand verbringen und auch baden gehen, was gar nicht so einfach ist, denn die Ostsee ist wirklich ein flaches Meer. Hinter dem nicht klar definierten FKK Bereich liegt Russland, da sollte man besser nicht nackig rüber laufen.