Vilnius vom Gefühl

Vilnius wurde vor etwas über 700 Jahren erstmals schriftlich erwähnt, vom Großfürst Gediminas in einem Brief an den Papst. Er wird vor der Kathedrale mit einem Denkmal geehrt, denn nach der Legende hat er Vilnius durch eine liberale Einwanderungspolitik zu einer Blütezeit verholfen. Die Liberalität galt insbesondere in Religionsfragen, so dass über Jahrhunderte bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten eine große jüdische Gemeinde in Vilnius bestand. Auch in Lettland ist die Geschichte des restlichen 20. Jahrhunderts durch die erneute sowjetische Besatzung geprägt.
Wir haben wieder an einer free walking Tour teilgenommen, von einer sehr engagierten Führerin aus der Stadt, nicht fokussiert auf Bauwerke und historische Jahreszahlen sondern auf die eigene Lebenserfahrung mit den Umbrüchen seit der Wende und was die litauischen Identität heute ausmacht.

Die Solidarität mit der Ukraine ist in Vilnius noch mal mehr spürbar als in den anderen baltischen Staaten. Die Fahrtanzeiger der öffentlichen Busse, die Fahnen in der ganzen Stadt und eine Veranstaltung auf dem ehemaligen Rathausplatz anlässlich des ukrainischen Unabhängigkeitstags sind nur einige Beispiele. Der Ukrainische Abend steht unter dem Motto ‘Gemeinsam bis zum Sieg’. Es spielt das Armee Orchester, es treten ukrainische und litauische SängerInnen auf und spielen traditionelle, klassische und Rockmusik. Da wir von den emotionalen Ansprachen nichts verstehen, bleibt uns nur zu vermuten, dass es der Bürgermeister von Butscha war, der sich mit einem Video über einen erträumten neuen Schulbau in seiner geschundenen Stadt für die litauische Unterstützung bedankt.
Es ist für uns gänzlich unverständlich, wie die ähnlichen Erfahrungen mit totalitäre Regimen im Baltikum und in Ostdeutschland zu so unterschiedlicher Wahrnehmung und Wertschätzung der errungenen Freiheit und Demokratie führt.

Von der Altstadt gesehen liegt jenseits der Vilna die ‘Republik Uzupio’, ein hippes Künstlerviertel. Es erinnert schon stark an Christiania in Kopenhagen, auch wenn hier Drogen sicher keine tragende Rolle spielen. Es gibt aber eine eigene Verfassung, die in viele Sprachen übersetzt auf spiegelnde Tafeln gedruckt ist. Es ist das Ausgehviertel der jungen Leute und wird bewacht vom Engel auf der Säule und der Nixe an der Flussmauer – die hat jede Menge Spaß an denen, die versuchen, auf der Schaukel Platz zu nehmen, die unter der Brücke hängt.

In den Garten des Präsidentenpalastes kann man hineinsehen, abends wird das Tor geöffnet und jedermann kann darin spazieren gehen oder Schach spielen, die Sicherheit wird von einem Mitarbeiter der Security garantiert. Ebenso unbekümmert scheint man auch nachts unterwegs sein zu können, der EU Beitritt 2004 scheint mit der Zeit die Kriminalität marginalisiert zu haben, so bekommen wir es mehrfach erzählt (Lettland vermietet seine leeren Gefängniszellen mittlerweile an Schweden).

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