Der Tag war schnell vorbei mit lästigen Verrichtungen wie Ausleeren, Einpacken, Saubermachen, Heimfahren, alles ausladen, noch mehr Saubermachen, Auto zurückbringen, tanken, nochmal Heimfahren aus Trudering (mit dem seltsamen Gefühl, dass der Hintern auf der Straße schleift, verglichen mit der Übersicht, die man beim Fahren in einem Wohnmobil hat) und schließlich alles wieder in die Schränke verräumen. Immerhin waren wir in der Früh im Murner See baden, das war dann aber das einzige Highlight des Tages. Naja, die eigene Dusche und der viele Platz sind auch nicht schlecht.
Für ein Fazit ist es noch etwas früh, und da muss differenziert werden zwischen dem Baltikum und dem Verreisen mit dem Wohnmobil. Jedenfalls scheint mir ein eigenes Wohnmobil nicht der Traum schlafloser Nächte – zu den Vor- und Nachteilen später.
Das war wieder eine lange Fahrt. In Polen überholen wir nicht die LKW sondern fahren stundenlang nebenher, Lücken tun sich nicht auf. Das ist nicht weiter schlimm, weil die PKW auch nicht viel schneller fahren dürfen als wir wollen. An der Grenze stehen wir 6 Km im Stau, 45 Minuten, und werden dann doch nicht kontrolliert, wie man überhaupt den Eindruck hat, dass alle Fahrzeuge, bis auf den Flix Bus, einfach weiter gewunken werden. Pause machen wir auf einer kleinen als Parkplatz in Google verzeichneten Schotterfläche ein paar 100 m neben der Autobahn. Es ist wie im Autokino, die Landstraße ist gesperrt, ohne ersichtlichen Grund, aber bis zu dem Parkplatz kann man fahren, dann ist Schluss. Weil es aber keiner glaubt, kommt ein Fahrzeug nach dem anderen angefahren um dann zu wenden. Scheinbar sind nicht alle relevanten Zielgruppen informiert worden, denn auch die Linienbusse kommen in Abständen angefahren um dann ebenfalls wieder zu wenden. Mancher versucht noch, über das Stoppelfeld weiter zu kommen, aber das sind nur die ganz hart gesottenen.
Als Tagesziel suchen wir uns einen hervorragend bewerteten Campingplatz am Murner See heraus, den wir von der Autobahn nach ein paar Kilometer erreichen, nicht ohne ein wenig ‘Lettland-Feeling’, nämlich Schotterstraßen mit Wellblechmuster. Der Platz selber ist vollkommen ausgebucht und in der overflow area, schnöde Parkplätze in einer Wiese finden sich noch ein paar wenige Lücken. Immerhin gibt es ein Restaurant mit Seeterrasse, flotter Bedienung und ungehindert freien Blick auf den wunderschönen Sonnenuntergang mit Karibikflair. Davon abgesehen ist der Platz für uns absolut abschreckend, verglichen mit dem, was wir in den letzten 5 Wochen so an Stellplätzen erlebt haben.
Die Sonne schien, aber bei einstelligen Temperaturen in der Früh, für August schon ziemlich zapfig und zudem windig, deshalb haben wir das erste mal die Heizung angemacht und die funktionierte leise und machte schnell warm. Direkt vor dem Campingplatz fahren mehrere Straßenbahnlinien in die Stadt, wie praktisch, besonders, wenn man in die in die richtige Richtung fährt und es geschafft hat, mit der App einen passenden Fahrschein auszuwählen und zu erwerben.
Die Altstadt von Breslau, besonders der zentrale Platz, in dessen Mitte das Rathaus steht ist wirklich spektakulär ,mit alle den perfekt renovierten, bunten und vielgestaltig verzierten Fassaden. Wir machen den Fehler draußen frühstücken zu wollen, der Platz liegt zwar in der Sonne aber am Fuße einer großen Kirche, die den Wind nochmals verstärkt und uns bald das Essen von Teller fegt. Den Cappuccino verschieben wir auf später. Natürlich gibt es in Breslau auch viele Kirchen mit Türmen auf die man steigen kann, wir wählen zielsicher den mühsamsten, mit 91 m Höhe und einer wirklich engen und sehr steilen Wendeltreppe. Die Aussicht lohnt aber allemal und ein bisschen Frühsport soll ja auch nicht schaden, nachdem wir gestern den ganzen Tag gesessen sind.
Die Altstadt wird von der Oder durchquert, die auch mehrere Inseln bildet und es gibt viele alte und hübsche Brücken, z.B. um zur Kathedrale zu gelangen, die auf einer der Inseln erbaut wurde. Auf einer dieser Inseln läuft eine ziemlich große und vielfältige Benifizveranstaltung der ukrainischen Gemeinde in Breslau mit Musik, Aufführungen, Angebote für Kinder und Verkaufsständen mit Selbstgemachtem.
In ganz Breslau wird man auf Schritt und Tritt von bronzenen Zwergen begleitet. Mit unterschiedlichsten Motiven, passend zum Ort des Geschehens sind diese Figuren das Markenzeichen des Breslau Tourismus. Diese Tradition geht zurück auf Wandbilder (bzw. Graffities) mit denen das kommunistische Regime in den 80er Jahren lächerlich gemacht wurde.
Wir machen noch eine Bootsfahrt, die aber wenig erhellend stadtauswärts verläuft, in der Innenstadt sind zu viele Schleusen, die so für eine kurze Fahrt vermieden werden. An der Anlegestelle sind Dutzende Fressbuden aufgebaut (nur nicht mit polnischen Spezialitäten) und das scheint der Event in Breslau zu sein, es ist ja auch Sonntag und man kommt kaum durch. Wir schlendern noch weiter durch die Altstadt, auch entlang des Wassergrabens, der die Altstadt umschließt. Uns fällt auf, dass es ein Heer an hunderten Fahrradkurieren gibt, die mit E-Bikes durch die Stadt rasen, ohne Rücksicht auf Verluste, der restliche Radverkehr fällt kaum ins Gewicht.
Nach einem Bier auf einem gemütlichen Sofa in einer Bar finden wir ein originelles Lokal ‘Konspira’, welches in einem alten Gemäuer die Geschichte der Gewerkschaft Solidarnosc aufleben lässt, zu der auch Breslau erheblich beigetragen haben soll. Es gibt feinste Rouladen. Der Heimweg ist einfacher zu finden, da man die selbe Strecke einfach wieder zurück fährt…
Heute gibt es nichts zu erzählen, wir sind den ganzen Tag gefahren, 685 Km, und haben unterwegs mehrfach unser Tagesziel weiter weg geschoben. Es war erfreulich wenig Verkehr, in Polen besteht LKW Fahrverbot an den Ferienwochenenden. Das Wetter war kalt und wechselhaft und lud nicht zum Wandern oder Picknick im Grünen ein. Dafür werden wir morgen Zeit haben, Breslau anzuschauen. Wir haben ja auch eine Stunde beim Grenzübertritt geschenkt bekommen.
Von Vilnius geht die Fahrt in den Kurort Druskininkai an der Memel. Am Weg durch die Kiefernwälder stehen in den Einfahrten der zahlreichen Forststraßen häufig Autos mit einem kleinen Campingtisch davor, auf dem Blaubeeren und Pfifferlinge feil geboten werden. Bei dem Fahrtempo ist es ein heikles Unterfangen anzuhalten, aber es drängte auch zu einer Pinkelpause und die haben wir genutzt, um gleich einen großen Becher für 4 € einzutüten. Angeblich ist Druskininkai eines der ältesten Heilbäder Europas, mit einem Schönheitsbrunnen, der von der tiefsten Quelle gespeist wird. Der Ort selber war noch nicht beim Baden und ist daher sehr hässlich, zudem typisch litauisch, was den Besuch von Restaurants angeht – man wird einfach nicht bedient und irgendwann gehen wir wieder, in unserem Fall ins nächste Café, wo man an der Theke dann doch bedient wird. Wir wollen auf der Memel eine Bootstour mitmachen. Vor der Anlegestelle wird das hohe Gras am steilen Hang mit Motorsensen nervtötend gestutzt. Als die Männer ihre Visiere hochklappen, klappt bei uns die Kinnlade runter. Die beiden gehen locker mit 80+ durch. Wahrscheinlich ist das eher traurig, dass so alte Menschen noch schwer körperlich arbeiten müssen, weil die Rente nicht reicht? Als wir das Boot besteigen, sind wir uns nicht sicher, ob die Sensenmänner nun zum Kapitän und 1. Offizier aufgestiegen sind, denn die Besatzung ist genauso alt und zahnlos. Flussab geht es durch unberührte Ufer bis zu einer von den Einheimischen als berühmt eingestuften Barockkirche vor der im Ufer angelandet wird.
Der Weg hinauf zur Kirche führt durch ein ‘Dorf’, eher eine Ansammlung von Holzhütten mit Hühnern, die genauso auch im ländlichen Südostasien stehen könnten.
Die Kirche wird von der ‘Reiseleiterin’ intensiv erläutert, in Litauisch, Russisch, Polnisch, wir verstehen natürlich nichts (bestenfalls erkennt man die gerade gesprochen Sprache als solche), bekommen aber ein kleines Exzerpt in Englisch zugesteckt. In den Katakomben liegen einige Särge mit Plexiglasdeckeln; ob die Eingesargten dem zugestimmt hätten?
Auf der Rückfahrt geht es sehr lustig zu, der Kapitän zitiert uns auf ‘die Brücke’, um ein paar Späßchen mit uns zu machen, auch durften wir mal steuern, nicht ohne markig-russische Korrekturen seinerseits, während die polnischen Gäste auf dem Deck ‘Titanic-Shootings’ machen. So wurde das doch noch ein sehr vergnüglicher Nachmittag, trotz der Sprachbarriere – es sind ja auch nur noch ganz wenige Kilometer bis nach Belarus.
Es wäre ein gemütlich Abend am Campingplatz geworden, wären da nicht die Pfifferlinge zu putzen gewesen…
Wie wir auf unserer über 2,5 Std. langen, durchaus erschöpfenden, free walking Tour erfahren haben, ist Litauen, diametral anders als die anderen baltischen Staaten, zutiefst katholisch und darin eng verbunden mit dem polnischen Nachbarn. Die katholische Kirche hat in Litauen offenbar keine Kritiker und andere Religionen spielen nur eine marginale Rolle. Dies, so erläutert unserer Führerin, hätte seine Wurzeln darin, dass viele Pfarrer die Unabhängigkeitsbewegung Litauens aktiv und mit hohem Risiko für das eigene Leben in ihren Gemeinden unterstützt haben. Missbrauchsfälle hätte es andererseits in Litauen nicht gegeben. In Vilnius sind unglaublich viele Kirchen erbaut worden, alle Baustile, die es in Europa so gibt, finden sich hier auch versammelt. Besonders hervorzuheben ist z.B. die Backsteingotik, die in der Kirche St. Anna meisterhaft inszeniert ist. Die Nachbarkirche, 5 Meter neben dran, im gleichen Stil, ist schon ziemlich renovierungsbedürftig, die Fresken sind weitgehend verblichen, aber es gibt himmlischen Beistand, ein Engel ist mit der Malerrolle dicht an den ärgsten Stellen zugange.
Erwähnenswert ist noch der Glockenturm, der einstmals ein Wehrturm der Burg war und dann eine frühe Form des Upcyclings erfahren hat. Andere Kirchen sind besonders fein herausgeputzt, wie z.B. die Johanneskirche in der Universität oder die Kirche der hl. Katharina mit einer rot-weißen Fassade.
Die Krone der Kasimirkirche, ein Hinweis auf den Großfürsten, leuchtet in der Abendsonne. Die Kreuze obenauf haben zahlreiche Verzierungen und konnten so geschickt an die politischen Machthaber angepasst interpretiert werden.
Vilnius wurde vor etwas über 700 Jahren erstmals schriftlich erwähnt, vom Großfürst Gediminas in einem Brief an den Papst. Er wird vor der Kathedrale mit einem Denkmal geehrt, denn nach der Legende hat er Vilnius durch eine liberale Einwanderungspolitik zu einer Blütezeit verholfen. Die Liberalität galt insbesondere in Religionsfragen, so dass über Jahrhunderte bis zum Einmarsch der Nationalsozialisten eine große jüdische Gemeinde in Vilnius bestand. Auch in Lettland ist die Geschichte des restlichen 20. Jahrhunderts durch die erneute sowjetische Besatzung geprägt. Wir haben wieder an einer free walking Tour teilgenommen, von einer sehr engagierten Führerin aus der Stadt, nicht fokussiert auf Bauwerke und historische Jahreszahlen sondern auf die eigene Lebenserfahrung mit den Umbrüchen seit der Wende und was die litauischen Identität heute ausmacht.
Die Solidarität mit der Ukraine ist in Vilnius noch mal mehr spürbar als in den anderen baltischen Staaten. Die Fahrtanzeiger der öffentlichen Busse, die Fahnen in der ganzen Stadt und eine Veranstaltung auf dem ehemaligen Rathausplatz anlässlich des ukrainischen Unabhängigkeitstags sind nur einige Beispiele. Der Ukrainische Abend steht unter dem Motto ‘Gemeinsam bis zum Sieg’. Es spielt das Armee Orchester, es treten ukrainische und litauische SängerInnen auf und spielen traditionelle, klassische und Rockmusik. Da wir von den emotionalen Ansprachen nichts verstehen, bleibt uns nur zu vermuten, dass es der Bürgermeister von Butscha war, der sich mit einem Video über einen erträumten neuen Schulbau in seiner geschundenen Stadt für die litauische Unterstützung bedankt. Es ist für uns gänzlich unverständlich, wie die ähnlichen Erfahrungen mit totalitäre Regimen im Baltikum und in Ostdeutschland zu so unterschiedlicher Wahrnehmung und Wertschätzung der errungenen Freiheit und Demokratie führt.
Von der Altstadt gesehen liegt jenseits der Vilna die ‘Republik Uzupio’, ein hippes Künstlerviertel. Es erinnert schon stark an Christiania in Kopenhagen, auch wenn hier Drogen sicher keine tragende Rolle spielen. Es gibt aber eine eigene Verfassung, die in viele Sprachen übersetzt auf spiegelnde Tafeln gedruckt ist. Es ist das Ausgehviertel der jungen Leute und wird bewacht vom Engel auf der Säule und der Nixe an der Flussmauer – die hat jede Menge Spaß an denen, die versuchen, auf der Schaukel Platz zu nehmen, die unter der Brücke hängt.
In den Garten des Präsidentenpalastes kann man hineinsehen, abends wird das Tor geöffnet und jedermann kann darin spazieren gehen oder Schach spielen, die Sicherheit wird von einem Mitarbeiter der Security garantiert. Ebenso unbekümmert scheint man auch nachts unterwegs sein zu können, der EU Beitritt 2004 scheint mit der Zeit die Kriminalität marginalisiert zu haben, so bekommen wir es mehrfach erzählt (Lettland vermietet seine leeren Gefängniszellen mittlerweile an Schweden).
Vilnius liegt am Zusammenfluss der Vilna mit der Neris und steht, wie Rom, auf 7 Hügeln (es könnten auch mehr sein). Auf einem der Hügel war eine Burg errichtet, längst zerfallen, deren Turm wieder aufgebaut wurde und mit der litauischen Flagge on Top ein zentrales nationales Denkmal ist. Von oben hat man eine perfekte Rundumsicht, auf die Altstadt mit ihren zahllosen Kirchen (über die noch zu reden sein wird), die Kathedrale und das Nationalmuseum sowie das Hochhaus-Viertel auf der anderen Seites der Neris.
Die Altstadt, viel Fußgängerzone und große Plätze, ist voller Touristen, denn die Einheimischen sind im Sommer auf Urlaub im Wald oder am Meer. Wir futtern uns durch die einheimische Küche, die doch recht bodenständig ist und die Kartoffel zur Spezialität des Landes erkoren hat, aber die gefüllten Kartoffelknödel (Cepelinai) sind hervorragend, die Service öfter mal russisch-robust unterwegs.
Der Tag beginnt mit dem wohlvertrauten Geräusch von Rasenmähern bzw. Motorsensen, die im Baltikum bei jedem Wetter im Einsatz sind, so auch heute obwohl es regnet. Die Gegend um Birzai ist bekannt für seine Dolinen, Trichter im eingebrochenen Karstgestein. Manche davon haben sich mit Wasser gefüllt und bilden eine zerklüftete Seenlandschaft. Zur besseren Übersicht hat sich auch diese Gemeinde einen spektakulären Aussichtsturm errichten lassen – mit einem solchen markiert man im Baltikum einfach seine Potenz im Abgreifen von EU Subventionen. Aber auch die Schwalben schätzen solche Bauwerke, bieten sie doch zahlreiche Nistplätze und hinterher sieht selbst die beste Architektur beschissen aus.
In Vilnius steuern wir einen Campingplatz an, der eigentlich nur der Parkplatz eines Hostels ist und ziemlich zentral in der Stadt auf einem (der vielen) Hügel liegt. Google weiß zwar den Weg dahin, aber nichts über die rauen Sitten im Verkehr dieser Großstadt. Als wir endlich die steile Einfahrt erreicht haben und vor der geschlossenen Schranke stehen, ahnt man ob der Enge schon, dass das keine gute Idee war und natürlich ist alles ausgebucht. Die Alternative, ein schnöder Parkplatz mit Klo- und Duschcontainern liegt erheblich außerhalb der Stadt. Der Weg dahin beginnt mit einem Geschicklichkeits-Parcour, rückwärts hinunter auf die enge Einbahnstraße, über den Gehweg an einem DHL Sprinter vorbeizirkeln schließlich auf eine Schotterstraße, die steil bergab führt und mit Kratern übersät ist, als wäre auch hier der Karstboden eingebrochen. Dann weist Google auf die Autobahn, auf die man über einen Gehweg einfädelt. Nun kommt die Aquaplaning-Prüfung, es kübelt so vom Himmel, dass das Wasser bestimmt 10 cm hoch auf der Straße steht. Aber wir erreichen den Campingplatz unbeschadet und finden einen ganz guten Platz am Rand, nicht zu weit von den Duschcontainern. Kurz danach parkt ein Rotel-Tours Bus hinter uns, dass ist aber für uns nicht schlimm, denn die Rotel-Touristen werden schon um 8 Uhr morgens wieder weitergefahren. Das Wetter klart auf und wir fahren mit dem Rad in die Stadt, auch das eine Nervenprobe, denn die Stadt ist zu 100% auf das Auto fokussiert. Der ‘Radweg’ entlang der Brücke über die Neris, die wir queren müssen, ist nur weinige Zentimeter breiter als der Lenker. Wir schauen uns ein wenig in der Altstadt um und finden das Restaurant ‘Lokys’ in einem Haus aus dem 15. Jahrhundert. Der Abgang in die Katakomben ist niedrig und super eng, unten sitzt man in einem Tonnengewölbe aus uralten Ziegelsteinen. Es gibt typisch litauische Kost, z. B. die berühmten Cepelinai (Zeppelin-förmige Knödel mit Füllung). Für den Heimweg, eigentlich schon im Dunkeln, fahren wir die Schleifen am Fluss Neris entlang, der Weg ist zwar länger, dafür aber deutlich flacher und vor allem autofrei!
Wir verbringen den Tag im Gauja Nationalpark, erste Station ist ein Wildpark mit allerlei Kleingetier und, besonders interessant, Bären und Elchen. Der erste Käfig auf dem langen Wanderweg durch den Urwald beherbergt Eichhörnchen, da hält sich die Begeisterung noch in Grenzen. Luchs, Dachs, Bieber, Siebenschläfer geruhen sich zu verbergen, zu sehen sind Marder, Fuchs, Marderhunde, Eulen und tatsächlich Bären und Elche. Die Bären müssen eine furchtbar anstrengende Nacht gehabt haben, so wie sie völlig erschöpft in der Sonne schlafen. Die Elche sind ganz nett anzusehen, aber am spannendsten war vor dem Bärengehege ein ruchloser Mord an einem Frosch, verübt durch eine kaltblütige Ringelnatter, die nach unserer Meinung den Frosch niemals verschlucken könnte, ihn aber an den Hinterbeinen gepackt und nicht mehr ausgelassen hat.
An einem Zufluss der Gajua, der Amata, machen wir noch eine sehr schöne Wanderung durch den Wald entlang von Sandsteinfelsen.
Nach einem letzten Kaffee in Lettland, in dem kleinen Ort Ligatne (mit einer ehemaligen Papierfabrik und einem Bunker aus Sowjetzeiten) fahren wir weiter nach Süden, Richtung Litauen. Google routet uns eiskalt über nicht asphaltierte Feldwege und Forststraßen, zum Glück recht gut befahrbar. In Birzai, ein paar Kilometer hinter der Grenze kehren wir in den dortigen kleinen Campingplatz ein, entscheiden uns aber alsbald mit den Rädern in den Ort zu fahren. Dort gibt es mehrere Brauereien, eine davon mit Restaurant, welches wir für unser Abendmahl aussuchen. Hier wird eine Bier-Degustation mit allen 9 Sorten der Brauerei, zusammen mit einem phantasievollen Snack und einer ausführlichen Beschreibung der Biere angeboten. Die kleinen Gläser gut gefüllt sind das fast 1,5 Liter – da fügt es sich gut, dass in Litauen 0,4 Promille als Radfahrer erlaubt sind (0,2 in Lettland und 0,0 in Estland). Das Essen war übrigens genauso vorzüglich wie die Biere. Der Heimweg flutscht mit etwas Rückenwind, fast schon im Dunkeln, aber wir hatten in Polen auf dem Hinweg schon Lichter für die MTB’s gekauft, die nun zum Einsatz kommen.