Der beste Kakao Lettlands, wenn nicht weltweit

Nach hinreichend Strand- und Moorwanderungen steht heute kulturelles Programm im Mittelpunkt. Auf dem Weg nach Sigulda im Gauja Nationalpark stehen einige Kraniche in den Stoppelfeldern und bevor ich es realisiere, dass es sich weder um Störche noch Graureiher handelt, sind wir vorbeigefahren – Mist. Natürlich sehen wir auf der weiteren Fahrt nur noch Störche, mittlerweile fast langweilig.

Die erste historisch bedeutsame Stätte ist die ein wenig restaurierte Burg Turaida, die ab dem Mittelalter bis 1762 ‘in Betrieb’ war und dem Erzbischof von Riga unterstand. Sie thront auf einem Hügel über einer Schleife des Flusses Gauja, der früher schiffbar und Teil einer Handelsroute der Hanse war. Der Turm bietet eine schöne Aussicht in alle Richtungen. In den restaurierten Gemäuern ist natürlich eine Ausstellung der lokalen Historie untergebracht. Die Burg und das Gelände hat für Lettland erhebliche Bedeutung. In dem großen Park fand 1988 das erste Folksong Festival statt, das als Keimzelle der Lettischen Unabhängigkeitsbewegung betrachtet wird. Es findet jetzt alle drei Jahre statt. In dem Park sind verstreut Skulpturen eines lettischen Bildhauers aufgestellt, die Figuren aus den lettischen Volksliedern darstellen, an der Infotafel kann man sich die Musik dazu per Knopfdruck anhören.

Auf der anderen Seite der Gauja liegt die kleine Stadt Sigulda, die ihrerseits auch eine Ruine zu bieten hat, errichtet von deutschen Ordensbrüdern, die Gegenspieler des Erzbischofs waren und sich reichlich mit ihm bekriegt haben. Die katholische Kirche hat also nicht nur die Liven, die hier lebten, ‘bekehrt’, sondern auch noch ‘christliche’ Bürgerkriege geführt.

Neben der leidlich instand gesetzten Ruine liegt noch ein moderneres Schloss, in dem die Stadträte von Sigulda tagen und das ein kleines kulinarisches Juwel beherbergt: Ein Kakao-Café. Der Inhaber bezieht die Bohnen aus Ecuador und behandelt sie meisterlich, bis daraus vor den Augen des Gastes ein handgerührtes Getränk, frei von Zucker entsteht. So einen aromen-reichen, gar nicht bitteren Kakao haben wir noch nicht erlebt.
Vor dem Schlossgelände steht ein weiteres bemerkenswertes Kunstwerk, eine ‘Ritter-Galerie’.

Auf dem Weg zum Campingplatz müssen wir einkaufen und sind perplex, dass der Rimi Supermarkt Parkgebühren verlangt. Der kann uns gern haben und wir brechen dazu ein lebenslanges Gelübde und kaufen – schräg gegenüber – beim Lidl ein, ohne Parkgebühren.

Der Campingplatz, eine riesige, fast leere Wiese ist ‘ausgebucht’ – das ist uns bisher noch nicht passiert. Grund ist vermutlich ein Rotel-Tours Bus, der zwar nicht viel Platz braucht, aber seinen sardinen-mäßig eingepferchten Kreaturen ausreichend Duschen und Klos zur Verfügung stellen muss. Aber wir haben Glück, der Besitzer findet doch einen freien Platz, der gestern noch überschwemmt war und heute leidlich abgetrocknet ist, den können wir haben. Der Sommer sei wettermäßig eine Katastrophe, das halbe Land sei versumpft, die Ernte in dem matschigen Boden kaum einzufahren, wird uns erläutert. Sooo schlimm fanden wir es bisher gar nicht.

Rund um die Rigaer Bucht

Die Nacht war unruhig, der Camper wackelt im Sturm wie bei einem Erdbeben. Der Regen prasselt stundenlang gegen Dach und Fenster. Das Reetgras hat jeden Widerstand aufgegeben und fügt sich flach seinem Schicksal. Am Morgen, gegen 7, ein Wunder, binnen Minuten reißt der Himmel auf, die Sonne blendet durch das Fenster aus Osten, im Westen ist der Himmel fast schwarz – bis auf den Regenbogen. Das Gras fängt wieder an sich im Wind zu wiegen, auf der Wiese steht noch das Wasser und die Fahne sieht nach dieser Nacht nicht mehr gut aus.

Wir fahren über den Damm nach Muhu in die legendäre Bäckerei, stehen eine halbe Stunde in der Schlange und müssen mit ansehen, wie die alten Frauen aus dem Ort, vorne in der Schlange, das berühmte Schwarzbrot hamstern, bis sie es nicht mehr tragen können – als wir an der Reihe sind: Ausverkauft. Das Gebäck ist zwar auch sehr lecker, würde aber die Mühe des Anstehens nicht rechtfertigen.

Am Fährhafen hinüber auf’s Festland ist viel los, alle drei Fähren fahren in kurzem Abstand, voll bis unters Dach.

Mit ordentlichem Rückenwind geht es nach Süden, entlang der Rigaer Bucht, vorbei an Pärnu und wieder zurück nach Lettland. Dort gibt es noch eine kleine Attraktion, ein paar Meter Sandsteinklippen mit kleinen Höhlen und schwer um ihr Gleichgewicht kämpfenden Birken. Vom Verzehr des gefundenen Aals rät die Gattin dringend ab.

Für diese Reise die letzte Nacht am Meer verbringen wir auf dem Hochufer eines kilometerlangen Strands, mit Findlingen verstreut im rötlichen Sand. Die Wolken malen Bilder in den Himmel, wie man es nur am Meer erleben kann. Es reift die Erkenntnis, dass die Ostsee nicht nur eine langweilig, sandig braune Brühe ist, wie ein Leben lang vermutet.

Windmühlen, Steinmännchen und ‘Steilklippen’

Lange in die Nacht hinein sind weitere Gewitter über uns hinweg gefegt. Der Sturm hat die Ostsee aufgepeitscht und es wurde so laut, dass wir die Fenster schließen mussten, um schlafen zu können. Am Morgen ist der Spuk vorbei, beim Kaffee wärmt uns die Sonne den Pelz. Diese Möve mag keine nassen Füße, die 100 anderen belästigen mit ihrem Gekreische die Fischer, die ihrer Arbeit nachgehen. Am Horizont wacht die Marine; ein winziges Puzzlestück der Zeitenwende, aber sichtbar und durchaus willkommen.

Zum 2. Frühstück kehren wir ein, in ein kleines, putziges Café mit Windmühle. Auch hier ist die Tochter für die Kuchen zuständig. Weitere Windmühlen wollten wir am Nachmittag besichtigen, aber der Eintritt wurde einfach mal verdoppelt, da haben wir Abstand genommen, Windmühlen sind uns ja nicht gänzlich neu. Das interessante Konzept hier auf Saaremaa war, das ganze Mühlenhäuschen drehbar zu lagern und mit einem langen Balken in den Wind zu drehen.

Wir kommen vorbei an einem Stück Strand, der nur aus flachen Steinen besteht, prädestiniert für’s Steinmandl bauen. Das haben hunderte Menschen schon gemacht, da findet sich kaum ein Platz für eigene Kreationen. Die angeschwemmte rote Malerrolle wollte unbedingt eine tragende Rolle in meiner ‘Leuchtturm’-Installation spielen.

Estland ist eigentlich sehr flach, da sind Klippen mit einer Höhe von 21 m schon eine Sensation, zu finden in Panga Pank (das Estnische ist schon komisch). An einer Stelle kann man sich sogar abseilen und am schmalen Strand entlang laufen, höchst bedroht durch Felsbrocken, die nur durch Anhusten herunter krachen könnten. Wie immer, wenn man sich wenige Meter vom trubeligen Parkplatz entfernt, ist man ganz alleine und genießt in aller Ruhe die wechselnde Lichtstimmung der dahinrasenden Wolken, untermalt von der kräftigen Brandung.

Unser Nachtquartier wird eine große Wiese an einem kleinen Hafen, ein alternativ angehauchter Campingplatz, kreativ oder chaotisch, je nach Sichtweise. Das Klo z.B. hat zwei Schüsseln in der Kabine. Beim Abendessen, man glaubt es kaum: Ein Burger, unter einem halbwegs wetterfesten Dach, prasselt wieder der Regen herunter. Der hört aber gnädigerweise auf, bevor wir in den Camper zurückkehren. Es ist ganz schön kalt geworden.

Kuressaare und die Halbinsel Sörve

In Kuressaare, der größten Stadt auf Saaremaa, finden wir einen Peugeot Händler, der die Ursache der leuchtenden Motorkontrollanzeige findet und beheben kann, ein Problem in der Abgasreinigung. Wir sind beruhigt, dass es nichts schlimmeres war. Während das Auto in der Werkstatt ist, fahren wir mit dem Fahrrad in die Stadt zum Frühstücken und auskundschaften, was wir hier noch machen wollen. Besonders bemerkenswert ist das Schloss Arendsburg, erbaut im 14. Jahrhundert, welches seit über 100 Jahren ein historisches Museum beherbergt. Die Burg hat 4 Ebenen, die extrem verwinkelt und unübersichtlich sind. Das Museum hat zigtausende Exponate, von der Steinzeit bis heute, die in Vitrinen dicht gepackt zur Schau gestellt werden, erklärende Schildchen in Estnisch und Russisch. Möchte man zu Beginn noch diese und jene gefundene Tonscherbe oder altes Werkzeug genauer inspizieren, geht einem ziemlich bald die Luft aus. Als man dann in der 4. Ebene im 20. Jahrhundert ankommt und es richtig interessant würde, fehlt längst jede Konzentration und selbst der Weg zurück ins Freie wird eine echte Herausforderung. Ein historisches Museum, leider nur für die kleine Zielgruppe der pensionierten estnischen Historiker mit unendlich viel Zeit.

Wir fahren auf die schmale Halbinsel Sörve, an deren äußersten Ende ein 1960 errichteter Leuchtturm steht. Dort darf man seinen Camper an verschiedenen Stellen neben der Straße am Ufer der Ostsee für die Nacht abstellen. Die Aussichtsplattform des Turms in 45m Höhe kann gegen eine ziemlich hohe Gebühr über 254 Stufen erklommen werden. Oben pfeifft uns der Wind kräftig um die Ohren. Weiter draußen gibt es Sandbänke auf denen sich hunderte Kormorane ausruhen.

Die Halbinsel ist strategisch bedeutsam, da von hier die Einfahrt zur Rigaer Bucht kontrolliert werden kann. Im 2. Weltkrieg fanden hier verlustreiche Schlachten statt, 1941 eroberte die Wehrmacht die Insel Saaremaa, 1944 war die Rote Armee zurück und Saaremaa blieb bis zur Unabhängigkeit Estlands deren militärisches Sperrgebiet. Es liegen immer noch Kriegsüberreste verstreut herum.

Neben dem Leuchtturm gibt es ein Restaurant mit sehr leckeren Speisen zu fairen Preisen, heute muss nicht selber gekocht werden. Rechtzeitig vor dem heftigen Gewitter sind wir zurück im Camper.

Badetag auf Saaremaa

Schon am Vormittag ist es fast zu warm, um in der Sonne zu sitzen. Auf unserem schönen Stellplatz bleiben wir noch lange und das erste Mal in diesem Urlaub lesen wir ein BUCH, also keinen Reiseführer sondern Romane. Gegen Mittag fahren wir los, erstes Ziel ist die hoch gelobte Inselbäckerei, die ein fast schwarzes, vorzügliches Kastenbrot mit knusprigen Körnern bäckt. Nebenan ist ein Fischladen, mit frischem und geräuchertem Fisch. Wir entscheiden uns spontan für ein Hechtfilet und eines der Sorte ‘den-da’.

Über einen Damm geht es rüber auf die viel größere Insel Saaremaa. Dann wird das Programm des Tages, ganz unerwartet, mit einer Moorwanderung fortgesetzt. An dem großen See, der auf Holzbohlen zu umrunden ist, gibt es eine Badestelle, an der just mit unserem Eintreffen aus der Gegenrichtung eine größere Gruppe Einheimischer einläuft, von denen viele zum Baden gehen, da schließen wir uns gerne an, bei den Temperaturen tut die Erfrischung richtig gut.

Weiter geht es ins Inselinnere nach Kaali, wo ein echter, ca. 4000 Jahre alter Meteoritenkrater mit 110 m Durchmesser zu bestaunen ist. Nach Berechnungen der Spezialisten hatte der eiserne Brocken 3-6m Durchmesser und wog zwischen 50 und 80 Tonnen als er mit 36.000 Km/h eingeschlagen ist. Übrig geblieben ist außer dem Loch fast nichts, nur winzige Brösel, der größte gefundene immerhin knapp 400 Gramm. Erstaunlich ist, wie gut sich das Loch über die Zeit erhalten hat. Der Tümpel in der Mitte lädt überhaupt nicht zum Baden ein.

Unser nächste Stellplatz ist wieder ein Juwel, bei einem kleinen Yachthafen, auf einer Wiese, von drei Seiten von der spiegelglatten Ostsee umschlossen. Die Schwalben pfeiffen in Kopfhöhe um uns herum und fressen hoffentlich bevorzugt Stechmücken. Auch Schwärme von Staren flattern ab und zu fast lautlos vorbei.

Die Fischfilets kommen mit Kapern-Sahne Soße aus der Pfanne auf den Teller. Der ‘den-da’ schmeckt noch besser als der Hecht. Nach dem Abendessen beenden wir den Badetag in der Sauna des Campingplatzes, die wir ganz für uns alleine haben, mit Blick auf die untergehende Sonne.

Auf die Estnischen Inseln

Auf der Strecke von Tallin zur Fähre hinüber zur Insel Muhu liegt noch die Wanderung #46 aus dem Wanderführer durch den Nationalpark Matsalu, zu den größten Auwiesen des Baltikums. In Wirklichkeit handelt es sich aber um ein Schutzgebiet für das europäische Weiderind, das hier in freier Wildbahn vorkommt, in verschiedenen Schattierungen von schwarz über braun bis fast weiß. Die riesigen Bovine, eine Unterfamilie der Hornträger, sind gut zu beobachten und haben eine geringe Fluchtdistanz. Beeindruckend! Die weiten Auwiesen sollen ein Vogelbrutgebiet sein, aber natürlich sieht man im dichten Schilf keine Vögel. Doch, da sind zwei Schwäne mit ihren drei Jungen, ebenso spektakulär wie das Großwild. Auch die seltenen Zitronenfalter und Admirale sind hier meist um die Augustmitte anzutreffen. Da haben sich alle Mühen der weiten Reise gelohnt!

Die Überfahrt nach Muhu geht halbstündlich und flott. Auf der kleinen Insel gibt es bei Üügu (kein Tippfehler!) eine ebenso kleine ‘Steilküste’, auf deren oberer Ebene nur ein paar niedrige Wacholderbüsche wachsen und einen freien Blick auf die Ostsee gewähren. Hier darf man sogar über Nacht stehen bleiben, wenn man bei den Eigentümern anruft und einen kleinen Obulus bezahlt, der persönlich abgeholt wird. Dieser Spot ist umwerfend schön, der beste Platz bisher, aber auch kein Geheimtipp mehr, wie wir naiverweise gedacht hatten. Da wir früh dran waren, haben wir aber den Premiumplatz. Und es ist so warm, dass man das Abendessen draußen und auch noch ohne Mücken genießen kann.

Ein Tag in Tallin

beginnt bei uns, wie in fast jeder neuen Stadt mit einer Turmbesteigung für den Überblick. Hier ist es der Turm der Olafs-Kirche, der über reichlich steile und enge 258 Wendeltreppenstufen zu erklimmen ist.

Die Altstadt von Tallin ist immer noch von einer weitgehend intakten Stadtmauer umgeben, auf der man streckenweise entlanglaufen kann.

Erstaunlich ist, dass es in dem völlig flachen Estland außer ein paar Dünen einen richtigen (Dom-) Berg in der Stadt gibt, der zusätzlich befestigt ist. Dort oben liegen, dicht gepackt, in einem Gewirr von Gassen das Parlament, der Präsidentenpalast und etliche Ministerien sowie einige Botschaften. Nicht der schlichte Dom sondern die ehemals russisch-orthodoxe Kirche dominiert den Berg schon von weitem.

Die Altstadt ist voll von oft jahrhundertealten Häusern. Die roh gepflasterten Straßen sind (im Prinzip) autofrei, eng und alles, außer gerade. Das bedingt auch einen oft spitzwinkligen Grundriss der Häuser, manchmal auch nur winzig klein in eine Lücke gepfriemelt. Stattliche Häuser finden sich am Rathausplatz.

Die Altstadt hat sich dem intensiven Tourismus ergeben, im Erdgeschoss der Häuser ist entweder eine Restauration oder ein ‘Museum’, gerne auch in Kombination (=> Schokoladenmuseum), ‘jedes dritte Haus’ ist ein Hotel, der Rest Büros oder Touristen-Apartments. Die Stadt ist, wie übrigens auch in Litauen und Lettland mit unzähligen Kameras gespickt. An der russischen Botschaft hat man den Eindruck, dass sogar die Kameras von anderen Kameras überwacht werden.

Zum Frühstück sind wir in einem kleinen Café mit Plätzen draußen in der Sonne und bekommen eine drollige Mischung serviert, Ei im Croissant, Reiberdatschi mit Sauerkraut, Lachs, Würstchen, Avocado…

Am Nachmittag sind wir im Schokoladenmuseum in einem sehr hübschen Innenhof zu Gast, das Highlight kommt aber am Abend im Restaurant Rataskaevu, einem angesagten Laden in altem Gemäuer, in dem man nur mühsam eine Reservierung erhält- wir sind schon um halb 6 dort und bekommen sofort einen Platz. Das Essen ist sensationell, auch wenn man bei Spareribs erstmal skeptisch ist, das waren die besten ever. Der Ober ist nicht nur aufmerksam und erläutert die Speisen sondern interessiert sich auch für seine Gäste, small talk mit der Bedienung, in Lettland undenkbar. Mit den Australiern am Nachbartisch kommen wir auch ins Gespräch und müssen dann kräftig in die Pedale treten, damit wir die 6 Kilometer zurück zum Campingplatz rechtzeitig schaffen, denn der Aufseher geht um 8 heim und wir müssen vorher unsere weitere Übernachtung bezahlen.

Tallin hätte auch einige sicherlich interessante Stationen zur jüngeren Geschichte: Freiheitskampf, Weltkriege, russische Besatzung, Unabhängigkeit. Diese Historie teilen alle baltischen Staaten in ähnlicher Weise und wir erlauben uns, darauf zu verzichten, da wir zu dem tristenThema schon in Riga genauer hingeschaut haben.

Genug Wald und Moor, Umkehrpunkt

Mehr oder weniger am nördlichsten Zipfel Estlands sind wir (zwangsläufig) umgekehrt, von nun an geht es süd-westwärts. Auf dem Weg nach Tallin wären noch mindestens 10 Wanderwege gelegen, von denen wir aber nur 2 abgelaufen sind. Der erste zum größten eiszeitlichen Findling im Laahema Nationalpark, mit fast 600 m³ ein ordentlicher Brocken, den man über eine Leiter besteigen darf. Die Moore ähneln sich natürlich und doch findet sich in jedem wieder etwas neues und sei es nur eine schwarze Ente im schwarzen Wasser, eine Mega-Mörder-Fliege, die eine Hummel erlegt hat oder ein ‘Elch’, der sich auf vielen Erklärtafeln, aber nie in freier Wildbahn aufhält.

In Tallin steuern wir den Yachthafen an, auf dessen Parkplatz man sein Wohnmobil abstellen darf, Campingplätze gibt es in Tallin und der näheren Umgebung keine. In die Altstadt kommt man aber auf einer ausgewiesenen Fahrradroute in wenigen Kilometern. Die guten Plätze an einer kleinen Wiese sind schon alle belegt und zwischen den Bootstrailern stehen wir etwas skurril und hoffen auf einen besseren Platz morgen.

Im Yachtclub sehr gut zu Abend gegessen, Kabeljauleber als Vorspeise, dann noch einen Blick hinüber nach Tallin und den obligatorischen Sonnenuntergang.

Lahemaa Nationalpark am finnischen Meerbusen

Auf der Fahrt zur Nordküste Estlands, am finnischen Meerbusen, kommen wir durch eine fast menschenleere Landschaft mit riesigen Kornfeldern, in denen die Ernte eingefahren wird (was aber sicher ein paar Wochen dauert, selbst mit den großen Maschinen, die unterwegs sind). Nah der Küste, schon im Nationalpark Lahemaa, liegt der Gutshof Palmse an unserem Weg. Einen alten Gutshof zu besichtigen gehört zum Pflichtprogramm im Baltikum. Besichtigungen leiden, wenn man sie mit knurrendem Magen macht, deswegen stärken wir uns vorher in einer Gaststätte, die authentisch russischen Charme versprüht. Die Bewirtung im fensterlosen Blockhaus funktioniert im Kantinenprinzip, der panierte Hering mit mayonnaise-schwangeren Beilagen ist aber durchaus genießbar.

Der Gutshof Palmse ist Jahrhunderte alt und wurde von der deutschen Adelsfamilie, von der Pahlen, seit dem 17. Jhd. geführt und stetig erweitert. Im 1. Weltkrieg siedelte die Familie nach Deutschland um und während der russischen Besatzung war das Schloss ein Pionierlager. Nun ist es ein Museum mit originalgetreuem Interieur, teilweise sogar von den ehemaligen Eigentümern, die die Möbel als Leihgabe zur Verfügung stellen. Die Zimmer kann man ungehindert durchstreifen, die Arrengements und das schöne Parkett bewundern. Auch die Nebengebäuden, eine Orangerie, eine Destille sind zugänglich und man erfährt, dass die Roggen-basierte Wodka-Brennerei mit der Belieferung St. Petersburgs (den Zaren eingeschlossen) die Haupteinnahmequelle für den Hof war.

Der Lahemaa Nationalpark ist bekannt für die großen Findlinge an der Küste, die die Gletscher in den letzten Eiszeiten hier abgelegt haben. Wir umrunden ein Kap auf einer 4 stündigen Wanderung, die in großen Teilen auf einem Trampelpfad dicht am Strand verläuft, ein ausgesprochen schöner Weg, durch die Abendsonne besonders ausgeleuchtet.

Der Zeltplatz liegt fast direkt am Meer, zumindest sehen wir es durch ein paar Bäume hindurch von unserem Stellplatz. Sogar eine Sauna gäbe es, aber nur auf Voranmeldung, dafür haben wir keine Zeit…

Moorbad im Soomaa Nationalpark

Pärnu ist ein ganz nettes kleines Städtchen an der Ostsee und man hat eine gute Auswahl an Gaststätten für einen leckeren Brunch. Die Fußgängerzone hat in den alten Holzhäusern viele kleine, individuelle Boutiquen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ort prägen keine klassischen Zwiebeltürme, eher schlanke Frühlingszwiebeltürme.

Auf dem Markt kaufen wir eine unbekannte Sorte Beeren, die eine äußerliche Ähnlichkeit mit Himbeeren haben, aber leider viel besser aussehen, als sie schmecken. Sonst ist hier nicht viel los, obwohl Pärnu das angesagte Seebad in Estland sein soll. Weil wir die Einschränkungen eines Halteverbots invers gedeutet haben, bekommen wir auch noch einen Strafzettel. Estnisch ist eben nicht ganz einfach zu verstehen. Da fahren wir lieber weiter in den Soomaa Nationalpark, der im Frühjahr wochenlang meterhoch überschwemmt ist. Jetzt, im Sommer, ist alles nur normal-nass.

In einem Moorgebiet, wieder mit hübsch angelegtem Holzbohlenweg, gibt es Badestellen, an denen man in die dunkelbraune, aber nicht unappetitliche Brühe steigen kann. Die Temperatur ist sicher über 20°, aber nicht viel. Auf dem Weg ins Moor geht es durch einen Wald, in dem Myriaden Mücken lauern. Bleibt man stehen, fallen sie erbarmungslos über einen her. Im Moor selber nicht eine einzige von den Plagegeistern.

Wir stehen als einziger Camper auf einer großen Wiese eines Campingplatzes, der eher ein Ferienlager an einem Fluss ist. Der Hausstorch steht auf dem Kamin und scheint fliegende Fische zu fangen, wärmt sich aber nur den Hintern, denn unter ihm wird der Saunaofen geheizt, schräger Vogel…

Am Abend tanzen die Mücken zu hunderten vor unseren Fliegengittern, der quantenmechanischer Effekt erlaubt nicht wenigen von ihnen, durch die Maschen zu tunneln.