Lettlands Kampf um die Freiheit

Am Nachmittag machen wir eine free walking tour mit dem Fokus auf die russische Besatzungszeit. Der Guide, Harris, Mitte 40, ist Dozent für Tourismus-Marketing und hat als kleiner Junge die russische Besatzung als auch die Befreiung miterlebt und weiß seine persönliche Erfahrungen und die historischen Ereignisse sehr eloquent zu mischen. Die Tour beginnt am Denkmal für die Deportationen der Letten, die bereits 1940, vor der Besetzung durch die Nazis begannen und nach 1945 bis zur Wende in unterschiedlicher Brutalität, je nach Kreml-Herrscher, fortgesetzt wurden. Praktisch jede Familie hatte Angehörige, die verschleppt wurden in sibirische Arbeitslager oder einfach im Wald ausgesetzt wurden. Mit diesem, von der KGB orchestrierten Terror machten die Kommunisten die Bevölkerung mürbe und etablierten ihre Macht bis in den letzten privaten Winkel.

Die Freiheitsstatue wurde von lettischen Bürgern 1935 finanziert und anlässlich der ersten, kurzen Unabhängigkeit nach dem 1. Weltkrieg errichtet. Die russische Okkupation überlebte die Statue durch eine geschickte Umdeutung und persönliche Einflussnahme bei Lenin (so zumindest die Story). Sie ist heute das Symbol Lettlands Unabhängigkeit, auf die 1 ct Münze geprägt und von stündlich wechselnden Gardeoffizieren bewacht. Ältere Bürgerinnen kommen vorbei und legen frische Blumen nieder, da erahnt man, was die Freiheit für eine Wertschätzung hat, wenn man das Gegenteil am eigenen Leib erfahren hat.

Die während der Besatzung profan genutzte russisch-orthodoxe Kirche wurde nach Beginn des Ukrainekriegs zur lettisch-orthodoxen Kirche, aber die meisten gläubigen Letten sind Protestanten, dann Katholiken und schließlich die Orthodoxen Christen.

Der Rundgang dauert zweieinhalb Stunden und bis auf kurze Pausen werden wir mit wirklich spannenden Geschichten und der aktuellen politisch-gesellschaftlichen Lage in Lettland druckbetankt. Natürlich geht es immer wieder um Russland, den Krieg und die russisch sprechenden Letten, wie der Staat versucht, die Balance zu halten zwischen freier Meinungsäußerung und Verboten von russischer Glorifizierung, der zwar ein Minderheit aber teilweise lautstark anhängt.

Ganze Stadtviertel in Riga bestehen aus herrschaftlichen Jugendstilbauwerken mit üppigen Wohnungen. Diese wurden nach dem 2. Weltkrieg – natürlich – enteignet und als erzwungene Wohngemeinschaften für Industriearbeiter genutzt, die die Russen aus Zentralasien hierher umgesiedelt hatten, um die Verluste an Arbeitskräften durch den 2. Weltkrieg zu kompensieren. Mittlerweile sind sie rückübereignet, sofern sich Angehörige auffinden ließen. Herrenlose Immobilien konnten durch die staatliche Ausgabe von Privatisierungsgutscheinen von der Bevölkerung erworben werden, aber nur wenige hatten die Markwirtschaft dahinter verstanden und sich übermäßig bereichern können.

Nach dem Ende der Führung sprechen wir noch lange mit Harris, der uns nochmal die Bedeutung der Sprache als das zentrale gesellschaftliche Bindeglied verdeutlicht. Er erläutert Russlands langsame aber stetige Politik der Russifizierung über russische Medien und wie der Lettische Staat dagegenhält. Seit wenigen Jahren ist Lettisch die einzig zulässige Unterrichtssprache, was natürlich auch einen Keil in die multi-ethnische Gesellschaft treibt. In Lettland verläuft aber die Grenze zwischen ‘Putin und dem Westen’ nicht synchron an der sprachlichen Grenze, viele russisch sprechende Letten sind eindeutig auf Seite des Westens und der Freiheit zu verorten, so Harris.

Dann muss erstmal ein Stuhl und ein Bier her… Da gibt es eine Menge zu rekapitulieren und auch dieser Text ist noch lange nicht richtig fertig.

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